Same procedure as last year...

Vor ziemlich genau einem Jahr hatte ich ab und zu das Gefühl, mein Rudel sei um zwei Leute angewachsen. Um Andrea Ypsilanti und Roland Koch. Das lag daran, dass die beiden mich gefühlt mindestens genauso oft angelächelt haben in dieser Zeit wie die Mitglieder meine wirklichen Freunde und Familie. Das hat weniger damit zu tun, dass meine Freunde nicht lächeln, sondern damit, dass die beiden einfach omnipräsent waren. An jeder Straßenecke. An jeder Laterne. In jeder Nachrichtensendung. Das hat mich manchmal genervt, manchmal gefreut – bei dem einen mehr, beim anderen weniger. In diesem Jahr ist es so ähnlich – und doch anders. Wir sind wieder mitten im hessischen Wahlkampf. Wieder grinsen mich Menschen von Plakaten an. Wieder ist der Roland dabei. Andrea nicht, dafür ein Neuer. Trotzdem hat Ypsilanti ohne es zu ahnen das große Thema des Wahlkampfes gesetzt: Wortbruch. Roland Koch suggeriert uns vor einem geschmückten Tannenbaum in warmem Licht so etwas wie Verlässlichkeit. Er hofft mit uns „auf ein gutes neues Jahr“. Sein Favorit für eine Koalition bietet uns eine Winter-Idylle und das Versprechen: „Unser Wort gilt“. Aber was ist überhaupt „gut“ in diesem Zusammenhang? Und was ist „guter“ Wahlkampf? Das Ypsilanti-Gefolge fragt uns auf ihren Plakaten suggestiv: „Wirklich wieder Koch?“ Man ist geneigt, spontan zu sagen: „Nein!“ Aber das Ganze hat was von der jedes Jahr gleichen Silvester-Diskussion: „Wirklich wieder Fondue?“ Meine Entgegnung: „Hast du eine bessere Idee?“ Meistens kommt dann nichts. Und auch auf den Wahlkampf-Plakaten bietet leider auch niemand eine wirkliche Alternative. Das reicht nicht in einer Zeit, in der alle von Wirtschaftskrise sprechen, in der ganze Branchen ins Wanken geraten, in der Menschen um ihre Jobs fürchten. Von jemandem, der das Land regieren will, muss mehr kommen. Es reicht nicht, das Bestehende in Frage zu stellen – und es reicht auch nicht, sich auf dem Bestehenden auszuruhen. Ich als Wähler möchte Alternativen. Auch wenn die Wahlprogramme im Wesentlichen die selben sind wie vor einem Jahr, gehört zu einem „guten“ Wahlkampf, sich inhaltlich zu positionieren. Auch und vor allem in einer unsicheren wirtschaftlichen Situation wie der für das kommenden Jahr erwarteten. Eine vermeintlich rhetorische Frage als Wahlkampf-Kampagne einzusetzen, kann auch nach hinten losgehen. Ich will nicht einfach nur über Koch oder Nicht-Koch abstimmen. Ich will wissen, was denn anders wird, wenn ich auf die rhetorisch gemeinte Frage mit „nein“ antworte – oder eben mit „ja“. Außerdem hat „der neue Ypsilanti“ ja Potential. Für irgendwas muss der sperrige Name Thorsten Schäfer-Gümbel - TSG - ja gut sein. Tipps für den schnellen Aufstieg gibt es sicherlich gerne – in Hoffenheim.
