Annika Fallak

Journalistin, Moderatorin & Sprecherin

Live um jeden Preis

Koniginnendaag in den Niederlanden. Ich habe mich wirklich gefreut, wollte die Parade im Fernsehen anschauen. In der Redaktion habe ich extra nach einem niederländischen TV-Programm auf unseren Fernsehern gesucht. Leider war keines zu finden. Schade. Ich bin dann bei n-tv stehen geblieben. Es dümpelte so neben mir her, während ich arbeitete. Plötzlich das rote Laufband: Unfall in Apeldoorn, mindestens 14 Verletzte. Ich bin schon bei diesen Worten entsetzt – weiß aber noch nicht, dass das Entsetzen in den nächsten Minuten noch viel, viel größer wird. Aus zweierlei Gründen. Der erste ist die Tatsache an sich, dass es tatsächlich jemand schafft, mit dem Auto die Absperrungen einer solchen Veranstaltung zu durchbrechen. Sieben Menschen sind gestorben, stellt sich später heraus.
Der zweite – und wichtigere – Grund: die Berichterstattung von n-tv.
Kurz nachdem das rote Laufband beginnt, geht der Sender live drauf. Kameraleute laufen ja schließlich genug herum in Apeldoorn, da wird mal flugs eine Leitung aufgebaut. Ein Korrespondent, der zumindest ansatzweise journalistische Fähigkeiten besitzt, scheint nicht greifbar. Der Kommentar kommt vom Nachrichtenmann im Studio. Ich sehe Menschen, die aufgeregt durcheinander laufen. Ich sehe Fahrräder, die auf der Straße liegen. Ich sehe ein völlig demoliertes schwarzes Auto an einem Denkmal. Und ich sehe Menschen, die reglos auf der Straße liegen. Und bei denen Helfer dabei sind, eine Herzmassage durchzuführen. Und Mund-zu-Mund-Beatmung. Damit man die Angst und das Entsetzen in den Augen der Helfer auch möglichst genau sieht, zoomt der Kameramann noch richtig rein. Großaufnahme. Gefühlt dauert es mehrere Minuten – eine halbe Ewigkeit.
Ich bin fassungslos. Dort werden Menschen beim Sterben gezeigt. Live. Das ist nicht nur geschmacklos, sondern vor allem moralisch nicht vertretbar. In diesem Fall wäre ich gerne fünf Minuten später informiert gewesen. In einer solchen Situation eben nicht drauf zu halten, gebieten der gesunde Menschenverstand und die journalistische Ethik. Dazu braucht es noch nicht einmal einen Pressekodex.
Der dritte Moment, der mich wirklich schockt: nur einer meiner Kollegen in der Redaktion sieht die Sache ähnlich wie ich. Die anderen sind zweifellos der Meinung, das gehöre eben dazu. So eine Chance auf solche Live-Bilder dürfe man sich nicht entgehen lassen. Hauptsache live drauf. Egal um welchen Preis.

Klaus, 15.05.2009 14:59:
Tja, so ist er eben leider mal - der sensationsgeile (Blut-)Journalismus....

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