Stillstand und Fortschritt
20.01.2009Dieser Barack Obama ist ein Phänomen. Er hat schon vor seiner Amtseinführung Dinge geschafft, die noch kein US-Präsident und auch kein Politiker vor ihm geschafft hat. Er war auf einem Poster in der Bravo.
Glücklich gemacht hat er auch schon den ein oder anderen. Einen Friseur in Chicago zum Beispiel. Dessen Salon hieß bisher „Osama“. Lief seit 09/11 nicht wirklich gut, können wir uns vorstellen. Jetzt hat er seinen Laden prompt umbenannt. In „Obama“ – und es fluppt.
Eine farbige Frau hat sich mir irgendwie eingebrannt: sie sagte nach der Wahl am 4. November 2008, sie habe sich gewünscht, dass Obama die Wahl gewinnt. Damit ihr Sohn sehe, er könne mit seiner Hautfarbe alles werden auf der Welt – auch Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika.
Obama hat aber auch erreicht, dass sich die Wahrnehmung Amerikas bei uns in Europa wieder verändert hat. Wir mögen Amerika plötzlich wieder. Möglicherweise so sehr wie nie zuvor. Begeisterung löst Kopfschütteln ab. Amerika ist mehr als der mächtigste Staat der Welt, der sich genau auf diesem Merkmal ausruht und dabei arrogant und prahlend wirkt.
Das alles eilt Obama voraus. Schon bevor er seinen Amtseid abgelegt hat. Und er muss sich noch mehr Erwartungen stellen.
Er muss die Welt retten. Mindestens.
Obama soll Guantanamo öffnen und dann für immer schließen. Das gehört wohl noch zu den leichter zu erfüllenden Erwartungen.
Obama soll die „notleidenden Banken“ retten, sofern das noch geht.
Obama soll die Automobilindustrie aufpäppeln und möglichst alle Konzerne durchbringen.
Obama soll den Krieg im Irak beenden und die US-Soldaten dort abziehen.
Obama soll für Frieden in Afghanistan, im Irak, im Nahen Osten und in anderen Krisenregionen sorgen.
Obama soll die transatlantischen Beziehungen wieder auf Kuschelkurs bringen.
Obama soll das Klima retten.
Obama soll das Gesundheitssystem der Vereinigten Staaten verbessern.
Obama soll…
Das ist ganz schön viel für einen Menschen alleine. Warum erwartet Amerika so viel von seinem Neuen? Vielleicht ist es ganz furchtbar naiv. Vielleicht ist es einfach nur der tiefe Wunsch nach Veränderung, nach „change“.
Auf jeden Fall hat der Präsident schon jetzt eindrucksvoll bewiesen, wozu er im Stande ist. Barack Hussein Obama ist gerade einmal eine halbe Stunde US-Präsident und er hat quasi das Leben in den Vereinigten Staaten angehalten. Eine knappe halbe Stunde lang, während seiner Vereidigung und der ersten Rede im Amt stand Amerika, stand die Welt still. Ich bin sicher: hätte jemand in Seattle eine Stecknadel fallen lassen – in Miami wäre das zu hören gewesen. Millionen Menschen wollten dabei sein, wenn der 44. Präsident der Vereinigten Staaten seinen Amtseid ablegt. Und sie waren dabei. Blieben stehen vor Großleinwänden im New Yorker Stadtteil Harlem, in Chicago, in Houston, in Los Angeles, drängten sich zwischen Weißem Haus und Kapitol, ließen ihre Arbeit Arbeit sein, hörten ihm am Fernseher, Radio, Internet, Handy oder ipod zu.
Barack Obama hat Millionen Menschen heute zu Tränen gerührt, bewegt und stolz gemacht – und das nicht nur in Amerika.
Und er hat uns schmunzeln lassen. Denn auch beim mächtigsten Mann der Welt, dem 44. Präsident der Vereinigten Staaten, läuft nicht immer alles glatt. Als er dem obersten Richter des Supreme Court, John Roberts, vor Milliarden Menschen weltweit den Amtseid nachspricht und auf die Lincoln-Bibel schwört, verliert er kurz den Faden und scheint für einen Moment verunsichert. Nicht, dass Obama nicht auf seinen Eid vorbereitet gewesen wäre. Roberts hat allerdings bei den vorgesprochenen Worten nicht den in der Verfassung angegebenen Satzbau benutzt, sondern ihn minimal abgeändert. Obama merkt das, ist für einen Augenblick irritiert - und grinst. Und auch das macht Barack Obama vor allem eins: menschlich.


